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Schneeflocke

„Sag mir, was wiegt eine Schneeflocke?“ fragte die Tannenmeise die Eule.
„Nicht mehr als ein Nichts“, gab sie zur Antwort. 
„Dann muss ich Dir eine wundersame Geschichte erzählen“ sagte die Meise. 
„Ich saß auf dem Ast einer Tanne, dicht am Stamm, als es zu schneien anfing; nicht etwa heftig im Schneegebraus, nein wie im Traum, lautlos und ohne Schwere. Da nichts Besseres zu tun war, zählte ich die Schneeflocken, die auf die Zweige und Nadeln des Astes fielen und darauf hängenblieben. 
Genau dreimillionensiebenhunderteinundvierzigtausendneunhundertzweiundfünfzig (3.741.952) waren es. 
Als die dreimillionensiebenhunderteinundvierzigtausendneunhundertdreiundfünfzigste (3.741.953) Flocke niederfiel – nicht mehr als das – brach der Ast ab.“ 
Damit flog die Meise davon.

Nach „Kinder sind k(l)eine Menchen, ai und Verlag “Die Schulpraxis“ 1989

Eine Zen-Geschichte

Ein Zen-Schüler fragt seinen Meister, wie er denn meditieren solle. Der Meister überlegt lange und antwortet schließlich:
„Wenn du einen Gedanken zu Ende gedacht hast
und der nächste noch nicht begonnen hat,
gibt es da nicht eine ganz kleine Lücke?“
„Ja“, erwidert der Schüler.
„Dann geh und verlängere sie“, entgegnete der Meister,
„das ist Meditation“.

Die algerische Ursprungskultur – Camus

Algerien-Forscher Pierre Bourdieu über die algerische Ursprungskultur „Die nicht auf Effizienz, sondern auf Subsistenz ausgerichtete Lebensweise der algerischen Ureinwohner, so Bourdieu, kannte kein „Pressiert-Sein und Sich-Überstürzen“. Ein Mensch, der sich „unüberlegt in Handlungen stürzt, der pausenlos redet, der seine Arbeit schnell verrichtet, dass er Gefahr läuft, die Erde zu misshandeln, der ungeduldig, unersättlich und gierig Ist und das Maß nicht zu halten weiß“ galt in dieser Kultur als dumm. Gewandtheit, Geschicklichkeit, Schlauheit, Berechnung und List waren Todsünden, denen man eine Tugendlehre entgegenstellte, die niya genannt wurde und Unschuld, Naivität, Schlichtheit und Redlichkeit umfasste. Wer dieser Lehre folgte, beherrschte die Kunst, die Bedürfnisse zu mäßigen, Nüchternheit walten zu lassen und die Gier zu zügeln. Er stellte nur solche Beziehungen her, die auf Vertrauen beruhten, beschäftigte sich nur mit Dingen, die sein unmittelbares Leben berührten. Er hatte ein persönliches Verhältnis zu seinen Tieren und zu seinem Boden, wurde nicht von dem Ehrgeiz getrieben, auf die Zukunft Einfluss nehmen oder die Welt durch Arbeit verändern zu müssen. Ihm genügte es, die unmittelbaren Bedürfnisse zu befriedigen und sich der Natur anzupassen, statt sie zu unterwerfen.

Ob wahr oder gut erfunden – das ist das orientalische Erbe, aus dem Camus den Bauplan für sein Ideal der Einfachheit bezieht. Es sind solche Bilder, die ihm vorschweben werden, wenn er die westliche Welt durch das „mittelmeerische Denken“ von ihren Fortschrittsideologien befreien möchte.

  1. Iris Radisch in „CAMUS – Das Ideal der Einfachheit — Eine Biographie“ rowolt 2013 Seite 50
  2. Pierre Bourdieu, Algerische Skizzen, Frankfurt/M. 2010, Seite 116

Casta Diva

Gebet der Norma aus Bellinis NORMA

Keusche Göttin im silbernen Glanze,
Thaue Segen auf die dir geweihte Pflanze!
Deines Anblicks lass uns erfreuen,
Wolkenfrei und schleierlos!

Schleierlos, ja, schleierlos! 
Lass nicht Zwietracht sich erneuen, 
Träufle Balsam in die Wunden, 
Bis den Frieden wir gefunden, 
Der erkeimt aus deinem Schoss.

Hier die Übersetzung von Lothar Quandt zur Inszenierung am Nationaltheater München Keusche:

Göttin, die du diese heiligen alten Bäume in Silber tauchst,
uns wende dein schönes Antlitz unumwölkt und unverschleiert zu.
Mäßige du die feurigen Herzen, mäßige wieder den verwegenen Eifer,
verbreite auf Erden jenen Frieden, den du im Himmel herrschen lässt.

Zum ambivalenten Schleiermotiv das die Oper durchzieht wird im Programmheft von Iso Camartin ausgeführt: „Der Schleier ist ein ebenso religiöses wie erotisches Requisit. Er spielt in den allermeisten Religionen eine wichtige Rolle. Man kann sich ebenso wenig eine erotische Konstellation vorstellen, die ohne das Spiel des Verhüllens und des Enthüllens auskäme. Schon das Alten Testament Kannte die Vorstellung, Gott habe den Himmel als Schleier zwischen sich und seine Kreaturen gelegt.“ Ein schönes Bild – der Schleier verhüllt, lässt jedoch das Dahinterliegende sehnsüchtig erwartet durchschimmern.

SOKRATES (470 – 399 V. CHR.)

„Nun aber ist es Zeit, fortzugehen,
für mich, um zu sterben, 
für euch, um zu leben: 
Wer aber von uns dem besseren Los entgegengeht, 
das ist allen verborgen, 
außer Gott. 
Niemand weiß, 
was der Tod ist, 
ob er nicht für den Menschen das größte ist unter allen Gütern. Sie fürchten ihn aber, als wüssten sie gewiss, 
dass er das größte Übel ist.“

SOKRATES (470 – 399 V. CHR.), GRIECHISCHER PHILOSOPH